„If you don’t know what game you’re playing, you’ve already lost.“— gilt für D&D genauso wie für Montags-Meetings
Bevor ein Spiel beginnt, setzen wir uns zusammen. Wir klären, was für ein Spiel wir spielen. Welche Art von Reise vor uns liegt. Und wer wir darin sein wollen.
Willkommen zur Session Zero unserer Quest.
Was ist eine Session Zero?
Im Rollenspiel ist die Session Zero der Abend vor dem ersten Abenteuer. Keine Würfel rollen. Keine Monster bekämpfen. Keine Schätze finden.
Die Gruppe setzt sich stattdessen zusammen und klärt:
- Was für eine Geschichte wollen wir erzählen? Episches High Fantasy oder düsterer Noir? Heldenreise oder Tragedy? Comedy oder Cosmic Horror?
- Wie spielen wir miteinander? Was ist okay, was nicht? Welche Themen sind tabu? Wie gehen wir mit Konflikten um – am Tisch und im Spiel?
- Wer sind wir in dieser Geschichte? Charaktere werden skizziert, Beziehungen geklärt, Lücken im Party-Setup geschlossen. (Niemand will vier Schurken ohne Heiler.)
Die Session Zero schafft einen sozialen Vertrag. Sie reduziert Frustration, bevor sie entsteht. Sie baut Vertrauen auf, bevor es gebraucht wird.
Im LARP geht es noch einen Schritt weiter: Hier werden auch körperliche Grenzen besprochen, Intensitätslevel geklärt, Safety-Tools eingeführt. Wie nah darf Kampf kommen? Wie viel emotionaler Bleed ist gewollt? Was passiert, wenn jemand eine Pause braucht?
Tools für die TTRPG Session Zero
Damit diese Klarheit entsteht, haben sich in der Rollenspiel-Community verschiedene Safety Tools etabliert. Zwei der wichtigsten:
CATS (Concept, Aim, Tone, Subject Matter) – Patrick O’Leary
CATS ist ein strukturiertes Framework für Session Zero Gespräche, das vier zentrale Fragen klärt:
Concept – Was ist die Grundidee? Was ist die Prämisse der Kampagne? Welches Setting? Welche Art von Geschichte? (z.B. „Politische Intrige im Vampir-Hofstaat“ oder „Sandbox-Hexcrawl in verfallenen Drachenreichen“)
Aim – Was wollen wir erreichen? Geht es um taktische Herausforderung? Charakterentwicklung? Weltentdeckung? Emotionale Geschichten? Manche wollen optimieren und min-maxen, andere wollen Drama und Beziehungen ausspielen.
Tone – Wie fühlt sich das Spiel an? Düster und gritty oder heroisch und hoffnungsvoll? Humorvoll oder ernst? Pulp-Action oder Slow-Burn-Horror? Der Ton bestimmt, wie die gleiche Szene gespielt wird.
Subject Matter – Was kommt vor, was nicht? Hier werden explizit Grenzen geklärt. Welche Themen sind okay, welche tabu? Was wird ausgespielt, was übersprungen? Das umfasst Lines (harte Grenzen) und Veils (weiche Grenzen).
X-Card – John Stavropoulos
Die X-Card ist ein physisches Objekt (Karte, Post-it, Symbol), das während des Spiels auf dem Tisch liegt.
Wie sie funktioniert: Jede Person kann jederzeit – ohne Begründung – die X-Card berühren oder „X-Card“ sagen. Das Spiel hält sofort an. Die problematische Szene wird übersprungen oder umgeschrieben. Keine Fragen, keine Rechtfertigung nötig.
Session Zero in Organisationen – ein Gedankenexperiment
Jetzt stell dir vor, Organisationen würden das auch machen.
Nicht als Kick-off mit Powerpoint-Schlacht und Chaka-Teambuilding. Sondern als echte Session Zero:
Bevor ein Projekt startet. Bevor ein Team sich zusammenfindet. Bevor eine neue Rolle besetzt wird.
Man setzt sich zusammen und klärt:
- Was für ein Spiel spielen wir hier eigentlich? Ist das ein Sprint oder ein Marathon? Geht es um Innovation oder Stabilität? Um Effizienz oder Lernen?
- Wie spielen wir miteinander? Welche unausgesprochenen Regeln gelten hier? Was wird erwartet, aber nie gesagt? Wo liegen unsere Grenzen – fachlich, zeitlich, emotional?
- Wer sind wir in diesem System? Welche Rollen spielen wir? Welche wurden uns zugewiesen, welche haben wir gewählt? Und wo überschneiden sich unsere Erwartungen, oder kollidieren sie?
Die meisten Organisationen tun das nicht. Sie starten das Spiel, ohne die Regeln zu klären. Und wundern sich dann, wenn nach drei Monaten alle ein anderes Spiel spielen.
Tools für die organisationale Session Zero
Wenn Teams sich neu formieren oder Projekte starten, gibt es Werkzeuge, die ähnlich funktionieren wie CATS oder die X-Card – nur im Kontext von Arbeit statt Fiction.
Team Canvas
Das Team Canvas ist ein visuelles Framework, das Teams hilft, ihre gemeinsame Basis zu klären.
Es beantwortet Fragen wie:
- Warum existieren wir als Team? (Ziel, Mission)
- Was sind unsere Rollen und Stärken?
- Welche Werte und Regeln gelten für uns?
- Wie treffen wir Entscheidungen?
- Wie gehen wir mit Konflikten um?
Es ist buchstäblich CATS für Teams. Statt impliziter Annahmen („natürlich wissen alle, wie wir arbeiten“) wird alles explizit gemacht. Und dokumentiert. Und bei Bedarf angepasst.
- Concept: Was ist unser Auftrag?
- Aim: Was wollen wir erreichen – und wie?
- Tone: Wie arbeiten wir zusammen? Welche Kultur wollen wir?
- Subject Matter: Was geht, was geht nicht? Wo sind unsere Grenzen?
Es ist das Äquivalent zum Charakterbogen plus Spielvereinbarung – nur für Teams.
ELMO (Enough, Let’s Move On)
ELMO ist das organisationale Gegenstück zur X-Card – ein Signal, das jede Person jederzeit geben kann, um eine Diskussion zu beenden oder weiterzuziehen.
Wie es funktioniert: Wenn eine Diskussion im Kreis läuft, zu detailliert wird oder einfach nicht mehr produktiv ist, kann jemand „ELMO“ sagen (oder eine ELMO-Karte hochhalten, oft mit dem Bild der Sesamstraßen-Figur).
Die Gruppe checkt kurz: Sind wir durch mit diesem Punkt? Wenn ja, wird weitergemacht. Wenn nein, wird geklärt, was noch fehlt – aber ohne endlose Wiederholungen.
Wie die X-Card gibt ELMO Kontrolle zurück – aber nicht über emotionale Grenzen, sondern über Zeit und Fokus. Es ist die Notbremse für Meetings, die niemand braucht, aber alle kennen.
Der wichtigste Unterschied zur X-Card: ELMO braucht oft einen kurzen Check-in. „Sind wir wirklich durch?“ Die X-Card nicht. Sie ist absolut. ELMO ist ein Vorschlag. Die X-Card ist ein Stopp.
Miau! Oder worum es in dieser Quest geht (CATS)
Concept: Wir spielen (k)ein klassisches Rollenspiel, sondern eine fortlaufende Erkundung von Organisationen als soziale Spiele. Low Crunch, High Meaning. Würfel erlaubt.
Aim: Wenn du nach einigen Folgen Organisationen nicht mehr nicht als Spiel aus Rollen, Regeln und Erwartungen sehen kannst, dann hat diese Quest ihren Zweck erfüllt. Bonusziel: Wir haben erforscht was Rollenspiel für Organisationen leisten kann und was nicht.
Tone: Neugierig, spielerisch, augenzwinkernd. Ernsthaft genug, um relevant zu sein. Locker genug, um nicht weh zu tun. Ich nehme Organisationen ernst (meistens), aber nicht schwer. Kein Grimdark-Change, eher Cozy Complexity mit gelegentlichen Bossfights.
Subject Matter: Wir blicken auf Rollen, Kultur, Entscheidungen, Macht, Emotionen, Spielregeln, implizite Erwartungen, Beobachtungen aus echten Organisationen. Was nicht kommt: Patentrezepte, fünf Schritte zur besseren Organisation bis nächsten Dienstag.
Das Ritual
Ab heute begleitet dich in jeder Folge ein kleines Ritual.
Wenn du einen sechsseitigen Würfel hast (ja es gibt auch welche mit mehr oder weniger Seiten): wirf ihn. Wenn nicht: wähle intuitiv eine Zahl von 1 bis 6.
Diese Zahl gibt dir eine Frage für die Woche. 1W6 Veteran:innen wissen auf was das hinausläuft. (Alle anderen schaut mal am Montag bei mir auf das Profil oder sucht nach #1W6CheckIn)
Das ist dein Quest-Objekt. Dein Kompass. Deine Einladung: „Was will ich diese Woche eigentlich herausfinden?“
Dein Charakter – eine erste Skizze
Im Rollenspiel ist dein Charakter die Spielfigur, durch die du in der fiktiven Welt handelst. Sie hat einen Namen, eine Geschichte, Fähigkeiten auf dem Charakterbogen und eine Persönlichkeit, die sich von deiner eigenen unterscheiden kann.
Du spielst als dieser Charakter. Du triffst Entscheidungen aus seiner Perspektive. Und manchmal verschwimmen die Grenzen: Emotionen der Figur färben auf dich ab. Oder umgekehrt. Das nennt man Bleed – und es ist Teil des Spiels. Dazu in einer späteren Folge mehr.
In dieser Quest spielst du (k)einen klassischen TTRPG-Charakter.
Du spielst dich, als Rollenwesen in Organisationen.
- Im TTRPG trennen wir bewusst: Ich bin nicht mein Charakter. Ich sitze am Tisch, er kämpft gegen Drachen.
- In Organisationen gibt es diese Trennung oft nicht. Bzw. sie wird übersehen. Wir sind unsere Rolle. Wir identifizieren uns mit ihr, oder werden mit ihr identifiziert.
Ja das wird ein Experiment, wir werden sehen wie gut es funktioniert. Die Frage die unseren Charakter leitet: Welche Figur spiele ich eigentlich in diesem System und wenn ja wie viele? Und wer bin ich, wenn ich nicht spiele?
Wir sind hier nicht bei Pathfinder – keine 47 Feats nötig, bevor das Spiel beginnt. Also reicht uns eine grobe Skizze die sich mit jeder weiteren Folge etwas schärft oder gänzlich verändert.
Jetzt aber zu deinem Charakterbogen. Nimm dir ein Stück Papier und Stift und überlege dir die folgenden Punkte:
Rolle(n)
Welche Rolle oder welche Rollen spielst du aktuell?
- formell oder informell
- gewählt oder hineingerutscht
- klar benannt oder unausgesprochen
Schreib dir ein oder zwei Stichworte auf. Mehr braucht es nicht.
Teamlead? Vermittlerin? Brückenbauer? Der, der immer die Retrospektiven moderiert? Die Stimme der Vernunft im Chaos?
Wirkraum
In welchen Kontexten bist du gerade unterwegs?
- ein Team
- mehrere Organisationen
- Kundensysteme
- ein Netzwerk
Vielleicht wechselst du oft. Vielleicht bleibst du lange. Vielleicht bist du gleichzeitig in drei verschiedenen Welten unterwegs, mit unterschiedlichen Regeln und Erwartungen.
Spannungsfeld
Zwischen welchen zwei Polen bewegst du dich gerade? Wo zieht es dich am stärksten hin?
Zum Beispiel:
- Stabilität ↔ Veränderung
- Nähe ↔ Distanz
- Klarheit ↔ Offenheit
Wenn du deinem Charakter einen Namen geben möchtest dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür. Mehr braucht dein Charakter aktuell noch nicht.
Keine Fähigkeiten. Keine Items. Keine Backstory.
Die kommen später, oder auch nicht. Lass uns erst mal schauen, was sich zeigt.

1W6 – Deine Frage für diese Woche
Nimm jetzt deine gewürfelte Zahl und lass diese Frage mit in deine Woche gehen:
1: In welcher Rolle werde ich gesehen – unabhängig davon, wie ich mich selbst sehe?
2: Welche Rolle spiele ich regelmäßig, ohne sie bewusst gewählt zu haben?
3: In welchem System bin ich gerade am wirksamsten – und warum?
4: Wo passe ich mich an Regeln an, die nie ausgesprochen wurden?
5: In welchem Spannungsfeld bewege ich mich, ohne darüber zu sprechen?
6: Was beobachte ich diese Woche anders, nur weil ich darauf achte?


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