Vom Turm der Sprachen.
Nachem ich mir eine Fachliteratur-Auszeit gegönnt habe und in den letzten Monaten Dungeon Crawler Carl von Band 1 bis 8 inhaliert habe, (dazu vielleicht auch einmal mehr) habe ich die letzten Wochen literarisch in „Babel“ verbracht. R.F. Kuangs Roman hat mich nicht losgelassen, auch wenn das Ende sich etwas zieht und dann war da noch ein Gedanke den ich mit euch teilen wollte. Aber fangen wir von vorne an.
Worum es geht
In 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 begleiten wir die Geschichte von Robin und seine Reise aus Kanton nach Oxford. Robin, ist ein chinesischer Junge mit einem besonderen Talent, einem Talent für Sprache und Sprachentwicklung. Ein englischer Professer, Professor Lovell, holt ihn nach dem Cholera-Tod seiner Familie zu sich, und die Wahl, die er ihm lässt, ist keine: mit der Mutter sterben oder mitkommen. So wird Robin ins Empire überführt. Bald wird er lernen, dass sein Talent, das so früh von Unbekannten gefördert wurde, nur einem einzigen Zweck diente: ihn nach England und schließlich nach Oxford zu bringen.
Denn 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 spielt in einem Oxford der 1830er Jahre, das es so nicht ganz gegeben hat. Das britische Empire zieht seine Macht nicht aus Kohle und Kanonen, sondern aus der Silbermagie, einer Kunst, Wörter zu übersetzen und damit Silberbarren mit wörtlicher Magie durch Wortpaare aufzuladen. Ein Wort und seine Übersetzung sind nie ganz deckungsgleich, aber in dieser Lücke zwischen den beiden Bedeutungen entsteht die Magie, die im Roman die Macht und das Vermögen des Empires stärkt.
Das Zentrum dieser Kunst ist der Übersetzungsturm von Oxford, genannt Babel. Dorthin holt sich das Empire begabte Kinder aus den Kolonien, weil man Muttersprachler braucht, um an frische Bedeutungspaare zu kommen. Robin ist genau so ein Kind. Er lernt, er glänzt, er gehört dazu, bis er begreift, wofür seine Sprache und seine Herkunft eigentlich benutzt werden.
Ich verrate nicht, wie es endet. Kuang stellt zwischen langen Erklärungen eine Frage: Was passiert mit Menschen, deren Fähigkeiten ein System braucht, ohne sie selbst zu wollen?
Diese Frage hat im Buch ein persönliches Gesicht, und das ist Professor Lovell. Er ist nicht nur Robins Förderer, er ist sein Vater. Er hat ihn gezeugt, aber nicht, um einen Sohn zu haben, sondern um einen Sprachbegabten für Babel heranzuziehen. Robin bleibt zeitlebens das Mündel, nie der anerkannte Sohn. Damit ist 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 neben allem anderen eine Geschichte über Väter und Söhne, über einen Mann, der die eigene Vaterschaft zum Beschaffungsweg für Talent macht. Was das Empire im Großen mit den Kolonien tut, tut Lovell im Kleinen mit seinem eigenen Kind. Genau diese Kränkung, nützlich zu sein, ohne gewollt zu sein, treibt später alles Weitere an.
Als Roman funktioniert 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 also auf mehreren Ebenen gleichzeitig, und das ist seine Stärke und manchmal seine Last. Es ist ein Campus-Roman über Freundschaft und Zugehörigkeit. Es ist eine Geschichte über einen Vater und seinen Sohn, über Anerkennung und ihren Entzug. Es ist eine Fantasy über ein elegantes, in sich schlüssiges Magiesystem. Und es ist ein Traktat über Kolonialismus, das seine Thesen an manchen Stellen lieber ausspricht als zeigt. Wer reine Eskapismus-Fantasy sucht, wird sich an den Fußnoten und den Vorträgen reiben. Wer bereit ist, sich darauf einzulassen, bekommt einen spannenden Roman über Macht und Sprache.
Und dieses verweben von Macht und Sprache beschäftigte mich weiter. Das Silberwerk funktioniert, weil in der Übersetzung etwas verloren geht. Die Magie sitzt genau in der Differenz, in dem, was eine Sprache kann und die andere nicht. Und je mehr das Empire davon abschöpft, desto mehr braucht es Nachschub: neue Sprachen, neue Sprecher, neue Bedeutungen aus Gegenden, die man vorher nie ernst genommen hat.
Wir sind gerade dabei, eine Technologie in unseren Alltag zu holen, die nach demselben Muster arbeitet. Große Sprachmodelle sitzen auf einem Berg menschlicher Sprache, den Menschen geschrieben haben, oft ohne zu wissen, dass ihre Worte einmal Rohstoff werden. Das Modell schöpft aus der Differenz zwischen all dem, was schon gesagt wurde, und dem, was du gerade brauchst. Und je mehr wir abschöpfen, desto mehr Nachschub braucht das System.
Ist KI koloniale Magie, nun, ein Schelm wär böses dabei denkt. Kuangs Silberwerk ist kein neutrales Werkzeug. Es ist eingebettet in Schiffe, Handelsrouten, Universitäten, Besitzverhältnisse. Die Magie liegt nicht im Barren, sondern im ganzen Apparat drumherum, der bestimmt, wer die Barren graviert, wer sie besitzt und wer für sie in den Minen von Potosí stirbt.
Bei KI ist es ähnlich. Das faszinierende Ding ist nicht das Modell an sich (ja doch irgendwie auch), sondern der Apparat: die Rechenzentren, der Strom, das Wasser, die Menschen, die irgendwo Trainingsdaten sortieren und verstörende Inhalte wegklicken, damit unsere Chatoberfläche so freundlich bleibt. Wer nur auf die Zauberei am Bildschirm schaut, übersieht die Minen.
In 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 erzählt das Empire seine Expansion als Geschenk. Man bringe den Kolonien Bildung und Fortschritt, man zivilisiere sie. Robin wird nicht entführt, er wird 𝘨𝘦𝘳𝘦𝘵𝘵𝘦𝘵, so jedenfalls die Erzählung derer, die von ihm profitieren. Ich höre diesen Ton wieder. KI wird uns produktiver machen, kreativer, freier von lästiger Routine. Vielleicht stimmt das sogar (teilweise). Aber die Erzählung läuft wie damals: Ein Zentrum, das enorm profitiert, beschreibt seinen Vorteil als Dienst an allen. Und wer skeptisch bleibt, gilt schnell als fortschrittsfeindlich, als jemand, der die Zukunft nicht verstanden hat.
Die Journalistin Karen Hao nennt die großen KI-Konzerne in ihrem Buch schlicht Imperien. Wie die europäischen Kolonialmächte, schreibt sie, eigneten sie sich Ressourcen an, die nicht ihre sind: die Arbeit von Künstlerinnen und Autoren, die Daten unzähliger Menschen, die online über ihr Leben schreiben, dazu Land, Energie und Wasser für die Rechenzentren. Hao ist dabei ehrlich genug, den Unterschied zu benennen. Es ist nicht dieselbe offene Gewalt wie damals. Aber die Logik der Aneignung, die ist dieselbe.
Ein Spiel, das die Bewegung umkehrt
Es gibt ein Rollenspiel, das mir beim Lesen von 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 die ganze Zeit im Nacken saß. Es heißt 𝘋𝘪𝘢𝘭𝘦𝘤𝘵, von Kathryn Hymes und Hakan Seyalıoğlu. Gleich auf den ersten Seiten des Regelwerks steht der Satz, um den sich alles dreht: ein Spiel über Sprache und darüber, wie sie stirbt.
Das Spiel nimmt das ernst. Es erinnert daran, dass Sprachen heute nicht nur natürlich verschwinden, sondern verdrängt werden, von Geld, Gewalt, sozialem Prestige, einer zersplitterten Gesellschaft. Wenn eine Sprache stirbt, so das Regelwerk, wird die Welt ein Stück eintöniger, und uns geht eine Nuance des Menschseins verloren. Genau darum spielt man es.
In 𝘋𝘪𝘢𝘭𝘦𝘤𝘵 erzählt ihr die Geschichte einer isolierten Gemeinschaft. Eine Kolonie auf dem Mars, eine Gruppe Aussteiger, ein Internat, das Setting ist offen. Der Kern bleibt gleich: Ihr seid in irgend einer Form abgeschnitten, und ihr fangt an, eigene Wörter zu erfinden. Über mehrere Runden wachsen diese Wörter, angestoßen durch Karten, die euch Situationen und Bedeutungen vorgeben. Ein Wort entsteht, bekommt eine Bedeutung, und im Lauf des Spiels kann sich diese Bedeutung wieder verschieben. Ein Begriff wird neu aufgeladen, dreht sich um, oder verschwindet, weil ihn keiner mehr braucht. Mit jedem Wort rückt die Gemeinschaft enger zusammen, und die Sprache am Tisch ist nie fertig, sie ist die ganze Zeit in Bewegung.
Und dann zerfällt die Gemeinschaft. Menschen gehen, die Isolation endet, die Welt zieht sie wieder hinein. Am Ende entscheidet ihr selbst, was aus der Sprache und der Gemeinschaft wird. Was bleibt, ist die gemeinsam erzählte Geschichte und ein Dialekt, den außerhalb dieses Tisches niemand mehr spricht.
Ich finde das so passend, weil 𝘋𝘪𝘢𝘭𝘦𝘤𝘵 die Bewegung von 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 umkehrt. Im Turm wird Sprache abgeschöpft. Man löst sie aus ihrer Gemeinschaft, graviert sie in Silber und macht Macht daraus. In 𝘋𝘪𝘢𝘭𝘦𝘤𝘵 funktioniert das nicht. Die Wörter leben nur, solange die Gruppe lebt, die sie spricht und ständig neu verhandelt. Nimmst du sie heraus, hältst du etwas Totes in der Hand.
Jetzt leg das neben ein Sprachmodell. Ein Modell arbeitet wie der Turm, nicht wie der Spieltisch. Es zieht Sprache aus tausend Gemeinschaften heraus, aus Foren, Büchern, Nischen, in denen Menschen ihre eigenen Begriffe gefunden und über Jahre umgedeutet haben, und friert sie in einem Zustand ein, der überall gleich klingt. Am Tisch ist das Verschwinden der Wörter der Moment, den wir betrauern. Beim Modell ist das Herauslösen der Anfang der Wertschöpfung.
Wenn das Buch für die Bedeutung stirbt
Im Sommer 2026 berichteten unter anderem SWR, SRF und das Börsenblatt, dass ein Unternehmen im deutschsprachigen Raum antiquarische Bücher in großen Mengen aufkauft. Bevorzugt Sach- und Fachbücher ab den 1970er Jahren mit ISBN. Die Bücher werden eingescannt und danach, so die Vermutung der betroffenen Antiquare, vernichtet. Der Grund liegt nahe: Die frei zugänglichen Texte im Netz sind für das Training weitgehend ausgeschöpft, und alte Fachbücher enthalten Sprachstufen und Feinheiten, die online fehlen. Der Tübinger Antiquar Roger Sonnewald nennt es keinen Diebstahl, die Bücher werden ja gekauft. Aber er warnt vor dem Verlust von Kulturgut, weil es um große Mengen geht und niemand weiß, welches unscheinbare Buch in zwanzig Jahren wichtig geworden wäre.
Dasselbe Muster ist schon länger dokumentiert. Anfang 2026 machten unversiegelte Gerichtsdokumente ein Programm eines großen KI-Anbieters öffentlich, das die Washington Post im Detail beschrieb. Gebrauchte Bücher wurden in großem Umfang gekauft, von ihren Buchrücken getrennt, durch Hochgeschwindigkeitsscanner gejagt und danach recycelt. Das erklärte Ziel, so ein zitiertes internes Dokument, war ein destruktives Scannen möglichst aller Bücher. Ein Gericht stufte das als rechtmäßig ein, weil die Bücher legal gekauft, nach dem Scannen zerstört und die Digitalisate intern behalten wurden. Die Grundlage ist die First-Sale-Doktrin: Wer ein Buch kauft, darf damit machen, was er will, auch es vernichten.
Ich lasse das kurz stehen, weil es wehtut. Ein Buch ist die haltbarste Form, die wir für Gedanken gefunden haben. Es überdauert seinen Autor, seinen Verlag, oft seine Sprache. Und in diesem Muster wird es zerschnitten, damit seine Bedeutung in ein Modell wandert, das überall gleich klingt. Das ist die Silber-Metapher, aus dem Roman herausgetreten und auf einem Recyclinghof gelandet. Was zwischen den Zeilen stand, das Papier, der Einband, die Möglichkeit, dass jemand das Buch in dreißig Jahren wieder aufschlägt, geht verloren. Übrig bleibt der extrahierte Wert.
Der Turm steht heute in Kalifornien
In 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 ist der Turm ein Ort. Ein einziges Gebäude in Oxford, in dem das Wissen, die begabten Köpfe und die Kunst der Silbergravur zusammenlaufen. Wer das Silberwerk beherrschen will, muss dorthin. Es gibt keinen zweiten Turm. Diese Konzentration ist die eigentliche Machtquelle, nicht das Silber selbst. Das Empire ist mächtig, weil das Wissen an einem Ort liegt und von dort aus verteilt wird, nach den Regeln derer, die den Turm besitzen.
Leg das neben die Landkarte der heutigen KI. Die großen Modelle, die Rechenzentren, das Kapital und die Talente sammeln sich bei einer Handvoll Konzerne, die meisten davon in den USA. Sie bestimmen, was ein Modell darf, was es kostet, wer Zugang bekommt und wer draußen bleibt. Sie setzen die Standards, an die sich Regierungen, Universitäten und Firmen anpassen. Das ist die Babel-Logik in Reinform. Nicht Vielfalt erzeugt die Macht, sondern die Zentralisierung an wenigen Orten.
Wer ein solches System nutzt, macht sich abhängig von einem Turm, den er nicht kontrolliert. Das ist keine moralische Anklage, sondern eine strukturelle Beobachtung. Wenn deine Organisation ihre Prozesse auf ein Modell stützt, das einem Konzern in Kalifornien gehört, dann liegt eine Entscheidungsprämisse deiner Arbeit außerhalb deiner Reichweite. Jemand anderes kann die Regeln ändern, den Preis erhöhen, den Zugang drosseln. Du erfährst es erst, wenn es passiert.
Als das Silber knapp wurde
Anthropic veröffentlichte am 9. Juni 2026 Fable 5. Drei Tage später, am Abend des 12. Juni, erhielt das Unternehmen einen Brief des US-Handelsministeriums. Gestützt auf Exportkontrollrecht ordnete das Ministerium an, den Zugang zu beiden Modellen für alle ausländischen Staatsangehörigen zu sperren, unabhängig davon, wo sie sich aufhielten, und sogar für die eigenen ausländischen Mitarbeiter. Weil sich Staatsbürgerschaft technisch nicht sauber am Zugang prüfen lässt, blieb Anthropic nur, das Modell weltweit für alle abzuschalten. Die übrigen Modelle blieben verfügbar. Am 26. Juni lockerte das Ministerium die Beschränkungen zuerst für einige ausgewählte Organisationen, am 30. Juni fielen die restlichen Bedenken, und seit dem 1. Juli schaltet Anthropic den Zugang zu Fable nach und nach wieder frei.
Als Grund nannte die Regierung ein Sicherheitsrisiko: einen Weg, Fable 5s Schutzmechanismen zu umgehen und an die Cyberfähigkeiten des dahinterliegenden Modells zu kommen. Anthropic widersprach der Einschätzung öffentlich, hielt den Vorfall für eng begrenzt und für ein Risiko, das andere verfügbare Modelle ebenso mitbringen. Im Hintergrund steht ein länger schwelender Konflikt zwischen dem Unternehmen und der US-Regierung. Wie viel davon Sicherheitserwägung war und wie viel Politik, kann ich von außen nicht beurteilen und behaupte es deshalb nicht.
Für ein paar Wochen wurde also das Silber knapp, weil eine staatliche Vorgabe einen Hebel umlegte. Nicht der Nutzer entschied, nicht der Markt, sondern eine Regierung an dem Ort, an dem die meisten dieser Türme stehen. Über den Zugang zur Magie entscheidet demnach nicht, wer sie braucht, sondern wer den Turm und das Land kontrolliert, in dem er steht.
Für alle, die außerhalb dieses Landes sitzen, und das ist der ganze DACH-Raum, in dem ich arbeite, ist das eine ernüchternde Lektion. Wir bauen gerade Arbeitsweisen, Lernformate und ganze Organisationsprozesse auf Werkzeugen auf, deren Verfügbarkeit von Entscheidungen abhängt, die weder wir noch unsere Regierungen treffen. Ein Regler, den jemand anderes bedient, in einem Turm, zu dem wir keinen Schlüssel haben.
Das ist kein Grund KI zu meiden, aber es ist ein guter Grund, die Frage nach Abhängigkeit ernster zu nehmen als die Frage nach Effizienz. Und es ist ein Grund, europäische und quelloffene Alternativen nicht als naive Bastelei abzutun, sondern als das zu sehen, was sie sein könnten: ein zweiter Turm, oder besser noch, viele kleine.
Das Narrativ der Alternativlosigkeit
In vielen Organisationen läuft die Debatte der KI Einführung gefühlt in drei Stufen, und ich habe alle drei schon im selben Meeting gehört. Zuerst: Es ist unvermeidlich, der Zug fährt ab. Dann: Es ist effizient, wir sparen Zeit und Geld. Und schließlich: Es gibt keine Alternative, alle anderen machen es auch.
Kommt dir das bekannt vor? In 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 legitimiert das Empire seine Expansion mit exakt dieser Kette. Unvermeidlich, nützlich, alternativlos. Das ist keine Argumentation, das ist eine Erzählung, die Widerspruch von vornherein als naiv markiert und eine Technologie, die als alternativlos erzählt wird, entzieht sich der Gestaltung. Wenn etwas unvermeidlich ist, muss ich nicht mehr entscheiden, wie ich es einsetze. Ich muss mich nur noch anpassen. Und Anpassung ohne Entscheidung ist genau das, was ich in Organisationen am wenigsten sehen will.
Was das für unsere Arbeit heißt
Eine Organisation trifft Entscheidungen, indem sie Prämissen setzt: Programme, Kommunikationswege, Personal. Luhmann nennt das Entscheidungsprämissen, die Vorentscheidungen, die alle weiteren Entscheidungen strukturieren, ohne selbst ständig neu verhandelt zu werden. Wenn eine Organisation ein KI-Modell tief in ihre Prozesse einbaut, wird dieses Modell zu einer solchen Prämisse. Es strukturiert mit, wie geschrieben, geprüft, entschieden wird. Der Unterschied zu allen anderen Prämissen: Diese eine liegt außerhalb der Organisation. Sie wird nicht im eigenen Haus gesetzt, sondern im Turm eines Anbieters, dessen Regeln, Preise und Verfügbarkeit sich ändern können, ohne dass die Organisation gefragt wird. Eine Organisation, die so etwas zulässt, gibt ein Stück ihrer Selbststeuerung ab, ohne es zu merken.
KI kommt über zwei Wege in Organisationen. Auf der informalen Seite probiert jemand ein Werkzeug aus, es spart Zeit, es wird geteilt, und irgendwann hängt ein Prozess daran, der nie auf einer Systemliste stand und in keinem Budget als Posten auftauchte. Kühl würde sagen: Hier arbeitet die informale Struktur schneller als die formale. Das ist erst einmal nützlich, oft sogar brauchbar illegal im besten Sinne, es hält den Laden am Laufen. Gefährlich wird es, wenn daraus eine kritische Abhängigkeit unter dem Radar der formalen Struktur entsteht.
Der andere Weg ist formal. KI kommt über Strategie ins Unternehmen. Sie steht im Zielbild, bekommt ein Transformationsprojekt, dann einen Lenkungskreis und eine Roadmap. Davor steht aber noch die Frage: Wenn KI die Lösung ist, was ist dann eigentlich das Problem das wir lösen wollen? Haben wir das für uns beantworten können wir uns fragen welchem Modell vertrauen wir um sie in diese Fragestellung zu integrieren. Vertrauen ist hier keine Gefühlsfrage, sondern eine nach Nachvollziehbarkeit, Herkunft der Trainingsdaten, Umgang des Anbieters mit unseren Eingaben, Verhalten des Anbieters unter Druck. Der Juni hat gezeigt, dass auch ein Anbieter, dem man vertraut, unter äußerem Zwang abschalten muss.
Was uns zur Designfrage bringt: Welche Struktur soll eine KI-Transformation überhaupt hervorbringen? Befähigen wir Mitarbeitende, oder legen wir das Silberwerk wieder nur in die Hände einiger? In Babel war der Turm nicht deshalb mächtig, weil es Silber gab. Er war mächtig, weil nur wenige gravieren durften und alle anderen zu ihnen kommen mussten. Wenn eine Organisation ihre KI-Kompetenz in einem Center of Excellence bündelt, ein paar Spezialisten die Prompts schreiben lässt und alle anderen bei ihnen anfragen müssen, dann baut sie den Turm in ihrer eigenen Struktur nach. Das kann man wollen, es hat Vorteile bei Qualität und Kontrolle. Aber man sollte wissen, dass man es tut, und dass man damit eine Abhängigkeit im Inneren erzeugt, während man die nach außen gerade beklagt.
Organisationsdesign war immer die Arbeit an der Frage, wer worüber entscheidet. KI verschiebt diese Frage, weil sie eine neue, mächtige und fremde Prämisse in die Struktur einzieht. Wichtig ist, sie sichtbar zu machen, damit die Organisation sie gestalten kann, statt sich ihr nur anzupassen. Deshalb wirft eine KI-Einführung auch Fragen nach Macht, nach Kosten, nach Abhängigkeit auf. Wer kontrolliert das Werkzeug, von dem wir uns gerade abhängig machen? Welche Arbeit in meiner Organisation wird dadurch unsichtbar, ausgelagert, entwertet? Und welche Fähigkeit verlernen wir möglicherweise, während die Maschine sie uns abnimmt?
Ein letzter Gedanke: Robin verliert in 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 nicht seine Sprache, er verliert die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihm gehörte. Sie wird zu etwas, das man einsetzt und verwertet. Ich frage mich, welche unserer Fähigkeiten gerade denselben Weg gehen. Schreiben. Denken in Umwegen. Das Aushalten einer leeren Seite, bis eine eigene Idee kommt.
Vielleicht ist die Frage nicht was KI kann, sondern was wir verlernen, während sie es für uns tut.
1W6 – Deine Fragen für diese Woche
𝟭 – Wo in deiner Organisation wird KI gerade als unvermeidlich erzählt? Wer erzählt es, und wer profitiert von dieser Erzählung?
𝟮 – Welche Arbeit ist in deinem Umfeld unsichtbar geworden, seit eine Maschine sie übernommen hat? Wer hat sie vorher gemacht?
𝟯 – Auf welche Werkzeuge stützt sich deine Arbeit, deren Verfügbarkeit jemand anderes kontrolliert? Was würdest du tun, wenn der Zugang morgen wegfiele?
𝟰 – Welche eigenen Wörter, Codes oder internen Begriffe hat dein Team, die außerhalb niemand versteht? Was ginge verloren, wenn eine Maschine sie glattbügelte?
𝟱 – Welche Fähigkeit merkst du bei dir selbst schwinden, seit du ein Werkzeug dafür hast? Und störst du dich daran, oder ist es dir recht?
𝟲 – Wenn deine Organisation der Turm von Babel wäre: Wer graviert die Barren, wer besitzt sie, und wo liegen die Minen?
Zum Weiterlesen
R.F. Kuang: 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 𝘰𝘥𝘦𝘳 𝘋𝘪𝘦 𝘕𝘰𝘵𝘸𝘦𝘯𝘥𝘪𝘨𝘬𝘦𝘪𝘵 𝘥𝘦𝘳 𝘎𝘦𝘸𝘢𝘭𝘵. Die deutsche Ausgabe ist bei Eichborn erschienen. Ein dicker Brocken, aber einer, der sich lohnt, gerade wenn man ihn gegen den Strich liest.
𝘋𝘪𝘢𝘭𝘦𝘤𝘵: 𝘈 𝘎𝘢𝘮𝘦 𝘢𝘣𝘰𝘶𝘵 𝘓𝘢𝘯𝘨𝘶𝘢𝘨𝘦 𝘢𝘯𝘥 𝘏𝘰𝘸 𝘐𝘵 𝘋𝘪𝘦𝘴 von Kathryn Hymes und Hakan Seyalıoğlu, erschienen bei Thorny Games. Wer einmal am eigenen Tisch erlebt hat, wie eine selbst erfundene Sprache stirbt, liest 𝘉𝘢𝘣𝘦𝘭 danach anders.
Karen Hao: 𝘌𝘮𝘱𝘪𝘳𝘦 𝘰𝘧 𝘈𝘐. Wer die Metapher vom KI-Imperium ernst nehmen will, findet hier die journalistische Aufarbeitung dazu, wie sich die großen Anbieter Daten, Arbeit und Ressourcen aneignen. Man muss ihr nicht in allem folgen, aber sie stellt die richtigen Fragen.
Zum destruktiven Scannen von Büchern: die Recherche der Washington Post vom Januar 2026: https://www.washingtonpost.com/technology/2026/01/27/anthropic-ai-scan-destroy-books/
Zum aktuellen massenhaften Kauf von Antiquariatsbüchern: https://www.swr.de/kultur/literatur/kaufen-ki-firmen-massenhaft-antiquariatsbuecher-auf-100.html
Zum Fable Shutdown und seinen Folgen: https://www.deutschlandfunk.de/anthropic-fable-ki-shutdown-usa-trump-100.html


