„Bitte vielmals um Verzeihung, Mylord – die richtigen Frachtbriefe sind diese hier, nicht was dort vor euch liegt. In Vorwegnahme Eurer verständlichen Wünsche habe ich mir bereits erlaubt, den Laufburschen erschießen zu lassen.“ aus Spire – Grant Howitt & Christopher Taylor
In dieser Folge möchte ich euch einladen mit mir gemeinsam den Spire zu erkunden. Der Spire selbst ist ein kilometerhoch ragendes Konstrukt im Lande Destera. Einst die Hauptstadt der Drow, oder Dunkelelfen, wird sie seit etwa 200 Jahren, nach blutigen Kriegen, von den Aelfir besetztgehalten. Die einen sagen, der Spire sei eine Stadt, ein Turm der immer weiter wächst, andere sprechen von einem lebenden Gebilde, einem Organismus, einem Gott.
Wie Organisationen auch, ist der Spire immer in Bewegung. Es wird an Vierteln in der Höhe angebaut, manches bricht wieder ab oder wird verzweifelt vom Einsturz abgehalten. Er ist geprägt von Narrativen, also geteilten Erzählungen die Verbinden, oder auch abgrenzen voneinander.
„Soziale Systeme und damit auch Organisationen bestehen aus der Summe der Geschichten, die über sie erzählt werden. Unternehmen sind also per se immer schon erzählende bzw. narrative Systeme – ob das Unternehmen dies weiß oder nicht.“ – Narrative Organisationen; Erlach, Müller
Bevor wir uns näher mit den Drow und den Aelfir auseinander setzen möchte ich euch auf einen kurzen Exkurs durch den Spire einladen. Ich hoffe ihr habt eure guten Wanderschuhe an, denn ein Hochhauslauf durch das Empire State Building ist nichts zu dem was vor uns liegt.
Es heißt, das niemand bislang den Spire in seiner Gesamtheit erkundet hat. Das liegt zum einen an seiner Vielschichtigkeit und zum anderen daran, was die eigenen Scheinwerfer beleuchten und Drow sind bekanntlich keine Lichtgestalten.
Wir beginnen unsere Erkundung unterhalb des Spires.
„Verborgen unter der Stadt… wo niemand hinsieht, der bei Sinnen ist.“
Tief unter den glänzenden Fassaden liegt die Rotezeil. Hier tropft Wasser von der Decke. Hier riecht es nach Schimmel, Öl und Angst. Hier leben jene, die man nicht braucht, solange sie funktionieren.
In Organisationen findet sich die Rotezeil in:
- Legacy-Systeme
- Altverträge
- Schatten-IT
- Skripte, die „seit Jahren laufen“
- Wissen, das niemand dokumentiert
Aber lasst uns schnell weiterreisen bevor uns noch eins dieser armen Geschöpfe näher unter die Lupe nimmt. Folgt mir zum Nordhafen.
„Hier kommen Waren, Söldner und Ideen an.“
Im Nordhafen wird geredet. Verhandelt. Versprochen. Hier entscheidet sich, wie die Stadt gesehen wird, was in sie hineingelangt und was nicht.
In Organisationen sind die Häfen:
- Vertrieb
- Einkauf
- Partnerbeziehungen
Götter des Feuers, Götter des Metalls und des Profits. Willkommen im Fabrikviertel.
„Schier jeden einzelnen Quadratmeter belegen Fabriken oder Arbeiter.“
Hier ist es ohrenbetäubend laut, dreckig, und es riecht nach Schweiß. Maschinen laufen. Hände greifen. Körper halten durch.
In Organisationen sprechen wir von:
- operative Teams
- Projektarbeit
- Delivery
Bei soviel Arbeit und Dreck wird einem ja ganz anders zu mute. Lasst uns also schnell vorbei an den Gärten und Algenfarmen , vorbei an der Mittelstadt und von der Elfenbeingasse ins Silberquartier.
„Das Silberquartier besucht, wer sehen oder gesehen werden will.“
Elfenbeingasse und Silberquartier stehen für die Schauseite oder Vorderbühne. Hier muss man sich nicht um die dreckige Hinterbühne der unteren Stockwerke bemühen. Hier darf geglänzt werden und hier sind legitimierte Drow und Aelfir Adel sich näher als an jedem andern Ort im Spire. Hier ist die Pufferzone ohne Schmerzhaftes beschäftigen mit dem was unter der Motorhaube geschieht.
Hier wird bewiesen: Sie beweisen: „Man kann hier alles erreichen.“ und verschleiert: „Aber nur wenige dürfen es.“
Vom Silberquartier ist es nicht mehr weit zum Amaranth.
Amaranth – Das Licht oben
„Frostiges Heim der Hochelfen.“
Hier oben ist Platz. Stille. Schönheit. Probleme kommen hier nur an, wenn sie gut formuliert sind und nicht stören.
In Organisationen ist das:
- Vorstand
- Geschäftsführung
- Strategie
Man glaubt, von hier aus zu lenken. Doch meist lenkt man nur die Erzählung darüber, was unten geschieht.

Metaphern in Organisationen (vgl. Erlach, Müller. Narrative Organisatonen)
Unternehmen wurden schon mehrfach versucht in Metaphern unterschieden zu werden. Eine der bekanntesten Metaphern ist wohl die der Maschine. Die Befehlskette zieht an den Zahnrädern (Mitarbeitenden) und steuert so die Handlungen. Alles läuft wie geschmiert. Entweder bin ich ein Rädchen im Getriebe oder wer denkt der lenkt.
Etwas moderner wird dann das Computerbild herangezogen. Es wird von Input und Output gesprochen und von Software die man tauschen kann. Hier funktioniert alles per Knopfdruck.
Eine andere Metapher versteht Organisationen als lebendes System. Hier wirken Körperteile zusammen. Es erfolgt ein geregelter Austausch. Es wird von Geben und Nehmen gesprochen. Zusammen schaffen wir es.
Verstehen wir Organisation als soziales System, denken wir an das Bild einer Gruppe. Kommunikation ist relevant und vielfältig. Wir sprechen von Gemeinsamer Entwicklung und dem Beitrag zum großen Ganzen.
Mit dem Bild vom Lagerfeuer um das sich Menschen versammeln, beschreiben Christine Erlach und Michael Müller die Organisation als Narratives System. Die Geschichten die wir über uns und andere erzählen sind Identitätsstiftend. Wir gemeinsam, leben unsere Geschichte.
1W6 – Deine Fragen für diese Woche
Wirf deinen Würfel. Oder wähle intuitiv eine Zahl von 1 bis 6.
1 – Rotezeil (Unterhalb des Sichtbaren): Was läuft in deiner Organisation still weiter, weil niemand genau hinschaut – und wovon profitierst du, ohne es aktiv zu gestalten?
2 – Nordhafen (Schwelle zur Außenwelt): An welcher Stelle entscheidest du mit, welche Geschichten nach außen gelangen – und welche im Hafen bleiben?
3 – Fabrikviertel (Die Ebene des Tuns): Wo hältst du gerade etwas am Laufen, obwohl kaum Raum bleibt darüber nachzudenken, warum es so läuft?
4 – Silberquartier/Elfenbeingasse (Die Vorderbühne): In welchen Situationen spielst du sichtbar eine Rolle, die zeigen soll: „Hier ist alles unter Kontrolle“ – während du weißt, dass darunter etwas anderes passiert?
5 – Amaranth (Das Licht oben): Welche Entscheidungen oder Narrative ‚von oben‘ wirken für dich fern, bestimmen aber spürbar dein tägliches Handeln – und wie veränderst du dich dadurch?
6 – Der Spire als Ganzes (Das lebende System): Welche Geschichte erzählst du dir selbst über diese Organisation und wie beeinflusst diese Geschichte, welche Rolle du darin spielst?
Nächste Woche beschäftigen wir uns dann mehr mit den Bewohnern des Spires. Lasst auch gerne ein paar Gedanken da. Wie blicken eure Charaktere auf den Spire. Was würdet ihr gerne erkunden? Vielleicht gibt es ja auch Schleichwege und Tunnel.
Zum Weiterlesen:
Narrative Organisation – Wie die Arbeit mit Geschichten unternehmen zukunftsfähig macht

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